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Bellheim, 2.8.14

Atemlos durch die Sommernacht – Dinosaurier in Bellheim

Seit 1984 lädt der Vfl Bellheim am ersten Samstag im August zum Sommernachtslauf über 25 Kilometer ein. Damals in der guten alten Zeit, als das Bier noch dunkel, die Läufer schneidig und die Läuferinnen sittsam waren, waren Wettläufe über diese Entfernung wesentlich verbreiteter als heute.  Der erste echte Stadtlauf in Deutschland, das war kein Marathon, das waren die „25 km de Berlin“ am 3. Mai 1981. Es gab sogar Deutsche Meisterschaften über  diese Strecke. Mittlerweile ersetzten viele Veranstalter diesen Wettbewerb durch den seit einigen Jahren so populären Halbmarathon. International war „der Halbe“ schon immer häufiger vertreten und der Ausdruck „Marathon“ gibt der Veranstaltung gleich eine besondere Bedeutung.

 

Zum Glück widerstanden die Bellheimer bislang diesem Trend und erhielten den Langläufern eine willkommene Bereicherung in deren Wettkampf-Portfolio, wenngleich die Kombination von Streckenlänge mit Jahreszeit und Startzeit ein wenig schrullig anmutet. Ein Augustabend in der Rheinebene bedeutet fast zuverlässig hohe Temperaturen und schwüle Luft. Das ist nicht unbedingt das Ambiente, das man sich für einen langen Lauf wünscht.

Dennoch wollen Conny, Bernd, Klaus und ich uns diesen Dinosaurier des Straßenlaufs nicht entgehen lassen. In Bellheim darf man auch immer mit Überraschungen rechnen. 2012 hatte man die Toiletten liebevoll restaurieren lassen, leider waren dabei die Bauarbeiter etwas in Verzug geraten und konnten die Trennwände zwischen den Porzellanthrönen nicht mehr rechtzeitig vorm Sommernachtslauf montieren, was je nach Temperament der Laufteilnehmer Erheiterung oder blankes Entsetzen hervorrief. 2011 konnten die Bellheimer nach dem traditionell schwül-warmen Auftakt des Rennens mit einem außerordentlichen Gewitter aufwarten und zwar in einer Heftigkeit, die man sonst nur aus der Bibel oder Roland Emmerich Filmen kennt.

Mit freudiger Erwartung auf ähnliche Anekdoten vertrauen wir uns Bernd und seinem Navigationsgerät an. Mit stoischer Ruhe lenkt er seine Limousine wie ein Kapitän zur See. Auf der Fahrt unterhält uns Klaus mit Abenteuern aus seiner bewegten Landjugendzeit. Wir erreichen frühzeitig den Austragungsort, wo unser Mut von den vorherrschenden tropischen Temperaturen recht schnell gekühlt wird.

Das Anmeldezeremoniell ist rasch abgeschlossen und uns ergreift eine nachhaltige Lustlosigkeit. Viel lieber würden wir jetzt die leckere Kuchentheke plündern, die sich in ihrer reichhaltigen Pracht uns lüstern entgegenräkelt. Conny, Bernd und Klaus wollen gemütlich laufen, ich selbst würde mich freuen, wenn ich unter der Zweistundengrenze bleiben könnte. Im Augenblick erscheint mir aber jeder Fußweg jenseits der 50 Meter als unüberwindliche Distanz. Wir verziehen uns in den Schatten, um nicht schon an der Startlinie mit einem roten „Prallkopp“ zu glänzen. Etwa 30 Minuten vor dem Start fange ich an zu quengeln, ich will mich doch etwas „warm“ laufen. Verhalten trabe ich einige hundert Meter und rasch  melden die Beine Betriebsbereitschaft. Dann das übliche Vor-dem-Lauf-Bild, ein letzter Toilettengang, mehr Ritual als biologische Notwendigkeit, und ab geht es zur Startaufstellung. Es haben sich heute nur etwa 500 Läufer eingefunden, einschließlich der Duett-Läufer, die sich die Strecke in Abschnitten von 10 bzw. 15 Km teilen.

Der Startschuss fällt pünktlich um 19:00 Uhr, wir laufen los, schwüle Hitze brodelt uns entgegen. Nur nicht zu schnell beginnen und immer  schön mit ganzen Wasserladungen abkühlen lautet meine Taktik. Ich trage einen Schwamm bei mir, denn ich weiß, die hilfsbereiten Pfälzer stellen an diesem Abend Wasserbottiche vors Haus, ganz ähnlich der Sitte im Winter Meisenknödel an der Wäscheleine aufzuhängen, für die Irren, die jedes Jahr um diese Zeit mit hochrotem Kopf laut schnaufend durch die Dörfer rennen.. Ein wenig hoffe ich auch auf einen angekündigten leichten Regen ab etwa 20:00 Uhr.

Die Streckenführung zwingt uns in drei Runden durch Bellheim, maßvoller Beifall wird uns zuteil, nur kann ich zunächst keine Wannen mit Wasser ausmachen, aber hier und da bieten freundliche Anwohner einen Guss aus dem Gartenschlauch an. In einem Hof wird der Abend besonders heftig und laut gefeiert, die derzeit allgegenwärtige Helene F. dödelt mir ihr „…atemlos durch die Nacht…“ unauslöschlich in die Gehörgänge. Der Text samt Melodie werden mich den Rest der Strecke begleiten.

Obwohl ich ein ausgesprochener Schwitzastheniker bin, tropft mir bald der Schweiß von der Stirn, meine Gedanken schweifen ab. Mir kommt eine kürzlich gehörte  Radiosendung wieder in den Sinn, in der ein gelehrter Wissenschaftler berichtete, dass Störche sich die Beine mit dem eigenen Kot einreiben, um sich so Kühlung zu verschaffen. Ich hoffe inständig, dass diese Methode im Sport keinen Einzug finden wird. Dennoch könnte ein gewiefter Quacksalber Kasse machen mit einer Kotersatzpaste, vielleicht auf Banane-Schoko-Haferflockenbasis, fein zu einer zarten Mousse aufgequirlt. Dr. Strunz könnte dazu  in dem ihm eigenen Schnappatmungsstil  endlose Satzkarawanen zu Papier bringen mit denen er, meiner Meinung nach,  den unumstößlichen Nutzen auch der idiotischsten Vorgehensweise nachzuweisen vermag. Das Zeug könnte man bestimmt problemlos aus Peter Greifs Wundermittelbauchladen beziehen…

…aber dann kann ich meinen Schwamm endlich in einen Wasserbottich tauchen und mir die wirren Gedanken aus dem Hirn wischen. Bei Kilometer 6 verlassen wir Bellheim und ziehen die Landstraße in Richtung Westheim entlang. Ich suche mir eine Gruppe, die etwa mein Wunschtempo läuft, denn jetzt wird sich das Feld auseinanderziehen und wehe dem, der bei diesen Bedingungen allein auf weiter Flur laufen muss.

Auf der Suche nach geeigneten Mitstreitern überhole ich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt heftig schnaufende Läufer. „…atemlos durch die Nacht…“ schallt es in meinem Hinterkopf. Kurz vor Kilometer 10 passieren wir die sogenannte Holzmühle, ein monströser Industriebau, dessen Besitzer sich auf den Import von Buddha-Statuen spezialisiert haben. Wunderland Vorderpfalz ! Wir passieren die Wechselzone der Duett-Läufer, erreichen den Ortseingang von Westheim, die Hälfte der Strecke ist bald geschafft. Leider muss ich feststellen, dass das Tempo unserer Gruppe unter den erforderlichen Schnitt fällt, ich setze mich an die Spitze, die anderen anfeuernd mit “Ihr wolld doch aa unna zwo Schdunde bleiwe !?“.

Dieser Aufruf zeigt Wirkung, wenn auch völlig anders als beabsichtigt. Statt dass sich die Jungs ins Zeug legen und wir uns in der Führungsarbeit abwechseln, hängen sie sich an mich und ernennen mich zum Zugläufer. Schlimmer noch, eingeholten Athleten wird zugerufen:“ Dess iss de Zugläufer fer unna zwo Schdund, der hodd bloos sein Luffdballon verlore!“. Ich möchte mich nicht umdrehen und kann daher nur vermuten, dass sich im Laufe der Zeit ein riesiger Pulk hinter mir bildet. Auch in Westheim das gewohnte Bild, die Anwohner feuern uns an und versorgen uns ausreichend mit Kühlwasser, mein Schwamm leistet mir unverzichtbare Dienste. Die Atmung ist regelmäßig, die Kraft ist da, aus meinem zarten Wunsch unter der Zweistundenmarke zu bleiben wird grimmige Entschlossenheit,. Ich steigere das Tempo kaum merklich. Von meinem „Tross“ vernehme ich Pfeifen und Keuchen. „…atemlos durch die Nacht…“.

Wir erreichen Lustadt, bei Kilometer 16 beginnt es zu regnen, hurra ! Ich stopfe meinen Schwamm wieder unter das Trikot, ich werde ihn heute nicht mehr brauchen und laufe befreit weiter. Ich bin mir jetzt fast sicher meine Wunschzeit zu erreichen. Die Stimmung steigt. Nun beginne ich einen kleinen Psychokrieg mit meinen Trabanten indem ich an den Verpflegungsstellen die angebotenen Getränke mit großer Geste ablehne und gleichzeitig das Tempo kurz anziehe. Soviel Bosheit darf sein. Wir passieren Zeiskam in einem angenehmen Sommerregen, viele Zuschauer haben sich in ihre Häuser zurückgezogen, winken uns aber aus den weit geöffneten Fenstern zu. Kurz hinter dem Ortsausgang von Zeiskam sehe ich zwei Krankenwagen mit Blaulicht stehen, ein dritter nähert sich mit lautem Tatütata. Ausgerechnet der Führende des Wettbewerbs ist hier gestürzt, er blutet an beiden Knien und wartet blass auf seinen unglücklichen Abtransport.

Nun gilt es heil die letzten vier, fünf Kilometer auf dem Radweg nach Bellheim hinter sich zu bringen, ich passiere die Halbmarathonmarke, unablässig kann ich jetzt Plätze gut machen. Wenn alles gut geht, schaffe ich die zwei Stunden selbst wenn ich noch einen Hinkelstein tragen müsste. Ab dem Ortseingang von Bellheim wird die Strecke von Fackeln beleuchtet. Nun kann ich ein seltsames Phänomen beobachten, immer wenn ich einen Blick auf meine Uhr werfe,

krampft mein linker m. Peroneus longus. Das ist ein kleiner schlanker Muskel im Unterschenkel, der den Fußaußenrand anhebt. Letzteres erwähne ich nur, um peinliche Missverständnisse zu vermeiden.

Etwa einen Kilometer vor dem Ziel beschließt besagter Muskel in einen Dauerkrampf einzutreten und nimmt meinem Endspurt ein wenig an Brisanz. Dennoch ist der letzte Tausendmeterabschnitt mein schnellster heute Abend. Hochzufrieden nehme ich die 1:57:47, die mir von der  großen Zeitanzeige am Ziel entgegenstrahlen,  zur Kenntnis. Um den Abend abzurunden, verzieht sich jetzt auch noch der Regen. Ich trinke ein wenig, mampfe etwas Obst und ziehe mich dann unter die Duschen zurück, um frisch und sauber dem Einlauf (im Sinne von Ankunft) der anderen ASGler beiwohnen zu können. Klaus, der noch auf 100 Kilometer getaktet ist, erreicht das Ziel in 2:27:55, gefolgt von Bernd in 2:29:16 und zu guter Letzt eine enthusiastische Conny in 2:34:36. Sie läuft den Schlussteil wie ein Berserker, macht auch nach der Halbmarathonmarke viele Plätze gut und fast muss man sie daran hindern, dass sie sich noch im Zielkanal mittels eines gekonnten Uchi-Mata um einen weiteren Platz nach vorne schiebt.

Nach dem ausgiebigen Reinigungsritual der Drei finden wir uns wieder auf dem Festplatz zur gemütlichen kulinarischen Nachbereitung des gelungenen Laufabends. Leider vergällt der bald wieder aufkommende leichte Regen die Siegerehrung, wir machen uns bereit zum Rücksturz nach Hoggene und obwohl Bernd sich strikt an die Weisungen seines Navigationsgeräts hält, gelingt es uns den Ortsetter von Bellheim noch vor Anbruch der Morgendämmerung zu verlassen.

mk