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Die 25 Kilometer von Rülzheim

Erfolgreicher Jubiläumslauf bei Kannibalen

Zum 40.Mal fand am 6.9.2014 der Rülzheimer  Herbstlauf statt. Wegen der rückläufigen Teilnehmerzahlen in den Vorjahren wagten die Veranstalter den Wechsel zu der exotischen 25 km Strecke und verschoben kurzerhand den Start vom Sonntagmorgen auf Samstagnachmittag 15:30 Uhr, beides zur vollsten Zufriedenheit der Teilnehmer. Zusätzlich wurden, neben den zahlreichen Kinder und Jugendwertungen auch die Möglichkeit geboten 5000m oder die 25 Km im Duett , jeweils 12,5km, zu laufen.

Im Vorfeld hatte ich ein wenig die Werbetrommel für diese Veranstaltung gerührt und so finden sich pünktlich um 13:59 Uhr MESZ , Marion G., Claudia B., Ute A. Conny L., Bernd L., Nathalie K., Adam B. ,Klaus A. und ich am Hoggemer Bahnhof ein.

Ute A. konnte ich übrigens nur zu einer Teilnahme motivieren indem ich sie anlog, die 25 km wären lediglich der Höhenunterschied, der zu bewältigen sei, die eigentliche Strecke sei viel weiter. Claudia legte noch etwas zu und stellte ihr den gewohnten Regen in Aussicht, was Ute keineswegs abschreckte, sondern vermutlich nur dazu bewog, sich mit flinken Händen aus etwas Frischhaltefolie ein schickes Regencape zu laminieren.

Mit unserem multinationalen Team wollen wir alle dem Rülzheimer Viertelhunderter zu Leibe rücken. Die 5000 Meter oder der Staffellauf sind keine Option für uns. Wir verteilen uns, wegen der unterschiedlichen Verpflichtungen die nach der Veranstaltung auf uns lauern, auf drei Fahrzeuge. Adam und ich schließen uns, wegen der guten Erfahrungen bei den vergangenen Wettkämpfen, wieder dem „Mallorca Marathon Team“ an. Um unsere Fahrtzeit zu verkürzen, prahle ich unterwegs ein wenig mit meinen Kenntnissen in  Heimatkunde.

In Herxheim, dem unmittelbaren Nachbarort unseres heutigen Ziels wurden 1996, also ungefähr zur Zeit des 22. Rülzheimer Laufes, Knochen ausgegraben, die man mindestens fünfhundert verschiedenen Personen zuordnen konnte. Die 7000 Jahre alten Gebeine wiesen eindeutige Spuren von Kannibalismus auf. Untersuchungen zeigten, dass die Toten nicht aus der Gegend um Herxheim kamen. Die Urpfälzer hatten sich offensichtlich durch halb Südwesteuropa gefressen, wobei ungeklärt ist, ob sie auf (Mund)Raubzüge gingen oder einfach (Durch)Wanderer und Tagestouristen auf die Speisekarte setzten.

Die Wissenschaftler datieren das grausige Geschehen auf einen Zeitraum von nur 50 Jahren um etwa 5000 v Chr., aber es wird gemunkelt, dass noch heute so mancher Wanderer, der vom Weg abkommt, in dem ein oder anderen  Naturfreundehaus als „Schiefer Sack“ zur Rieslingschorle serviert wird.

Davon unbetrübt erreichen wir unser Ziel, das Freizeitgelände Rülzheim, wo uns großzügige Parkmöglichkeiten und ,wie wir nach dem Lauf feststellen müssen, kontinentale Entfernungen zu den Duschen erwarten.

Wir stellen uns an zur Entgegennahme unserer Startnummern und erhalten zusätzlich ein Funktionsshirt sowie einen Wäschebeutel, reichhaltig gefüllt mit Waschmittelproben, Müsli, Duschgel usw. Von dieser Freigiebigkeit könnte manch ein hochpreisiger Stadtmarathon sich eine gewaltige Scheibe abschneiden.

Viel später am Tag werde ich bei einer eingehenderen Inspektion des Wunderbeutels feststellen, dass man mich gleich mit drei Waschmittelproben  speziell  für Funktionswäsche und drei Portionen Duschgel bedacht hat, womit gewährleistet ist, dass ich in den nächsten Wochen sauber aus meiner funktionierenden Wäsche schauen werde.

Wir verstauen unsere „Beute“ im Auto und für mich wird es höchste Zeit mich warm zu laufen. Wie viele andere Warmläufer leiste ich dabei gleich noch einen Beitrag zur natürlichen Waldbrandverhütung.

Ich bin noch mitten im Wald, als ich einen Startschuss vernehme. Zum Glück ist der nur für die vor uns startenden Fünfkilometerläufer gedacht, die mir kurz danach mit ihren roten Köpfen laut hechelnd einen Vorgeschmack geben auf das, was auf mich noch zukommen wird.

Gerade rechtzeitig schaffe ich es zur Startaufstellung, wo sich kurioserweise viel freier Raum in den ersten Reihen bietet. Ich sichere mir einen Platz ganz vorne und spare mir so zusätzliche Strecke ein. Es fällt der Startschuss und wir eilen los als warteten außer dem ersten keine weiteren 24 Kilometer im schwülwarmen Wald. Marion schießt an mir vorbei und legt ein Höllentempo vor, dem ich zunächst nicht folgen kann, erst bei Kilometer drei fange ich sie wieder ein.

Bei Kilometer vier erwartet uns die erste Wasserstation. Ich wende die in Bellheim und Rheinau so bewährte Technik des äußerlichen Einnässens an und kippe mir gleich zwei Becher Wasser in den Hemdkragen. Erfrischt geht es weiter, Kilometer um Kilometer, endlose Waldwege gähnen uns entgegen, nur ab und zu applaudiert ein aufgeschreckter Wanderer.

Bei Kilometer acht erreichen wir den Höhepunkt des Parcours, einen Wendepunkt. Er bietet neben der Chance aus dem Rhythmus zu kommen oder sich bei der 180 Grad Drehung zu verletzen auch die Gelegenheit das Feld hundert Meter vor und hinter sich in Augenschein zu nehmen und da der Kurs über zwei identische Runden verläuft, das Ganze gleich zweimal.

Zwischen Kilometer neun und zehn etabliert sich eine Gruppe die genau mein Wunschtempo läuft. Ich hänge mich daran, um möglichst viel Kraft zu sparen. In einer spitzen Kurve ist  eine kleine Brücke zu überqueren, die erste Runde muss gleich geschafft sein.

Endlich Zuschauer und verhaltener Jubel, wir überqueren die Startlinie zum zweiten Mal und meine schöne Gruppe zerfällt in alle Bestandteile. Die einen sind Staffelläufer und übergeben das Staffelholz an den frischen und  unverbrauchten Teamkollegen, der uneinholbar davonstrebt, andere übergeben sich und steigen aus und wieder andere drosseln ihr Tempo bevor ihnen die Hitze den Garaus macht.

Meine an den Wasserstationen regelmäßig durchgeführten Aufgüsse haben mich hitzebeständig  wie eine Teflonpfanne gemacht und ich kann das bisherige Tempo, obgleich jetzt etwas einsam, halten. Der einzige Nachteil meiner Praxis ist, dass mein klitschnasses Trikot mittlerweile das Gewicht eines Kettenhemdes hat.

In der zweiten Runde sind alle Streckenabschnitte schon bekannt, was aber keinen Unterschied macht, denn es sieht hier eh alles ähnlich aus. Und wenn von außen keine neuen Reize ans Gehirn gelangen,  dann schweift der Geist schon mal ab. Mir kommt in den Sinn, dass „Abdul Salami“ keineswegs die arabische Bezeichnung für Metzger ist, sondern ein durchaus geläufiger Männervorname in Nigeria. Sogar der dortige  Staatspräsident hieß schon so. Ich zwinge mich zur Konzentration und eile weiter.

Der wurzel- und schotterreiche Boden bereitet mir in der zweiten Runde deutlich mehr Probleme als am Anfang und mein Tempo fällt ab. Dennoch kann ich viele Plätze gut machen. Nur noch acht Kilometer, noch sieben, noch einmal den dämlichen Wendepunkt anlaufen. So langsam macht sich Erschöpfung in meinem Körper breit. Dennoch schiebe ich mich beständig nach vorne, die Eingeholten hat es schlimmer erwischt.

Endlich, der schmale Übergang über den Bach, mehr Steg als Brücke, nichts wie rüber und weiter. Ausgerechnet jetzt in der Endphase überholt mich doch noch so ein Lümmel, nicht mal halb so alt wie ich, und muntert mich auf: „bloos noch dreihunnad Meeda! “. Noch einmal Zähne zusammenbeißen und weiter, Ziellinie, da hast du mich !!!  Auf meiner Urkunde wird später stehen 1:55:08 h und damit Dritter der Altersklasse M50.

Ich torkle zum Verpflegungsstand und saufe, ein gepflegter Ausdruck würde die Situation nur unzureichend beschreiben, den entsetzten Helfern eine Bresche in ihren Bechervorrat.

Nach dem obligatorischen Auslaufen wäre nun eine heiße Dusche die Aktivität meiner Wahl, doch meine Duschutensilien befinden sich im fest verriegelten Auto und der Schlüssel sich in den Händen des Mallorca Marathon Teams, das heute einen langen, langsamen Lauf auf dem Plan hat.

Zwischenzeitlich hat sich Marion in 2:00:36 h ins Ziel katapultiert, sie wird damit Dritte bei den W45er Frauen, Adam folgt mit etwas Abstand in 2:12:37. Schon kurz nach seinem Zieleinlauf winkt er fröhlich mit einem Humpen Bier. Schließlich finde ich Klaus (2:16:26 h), der in einer Pfütze redlich vergossenen Schweißes wieder zu Atem zu kommen versucht.

Ich beginne tatsächlich zu frösteln, immer noch quietschnass von meinen Planschereien auf der Strecke. Um einer drohenden Erkältung zu entgehen, ziehe ich mein Trikot aus und stelle ich mich in die Sonne. Ich kann mich deutlich erinnern, als ich vor über fünfzig Jahren das letzte Mal in nassen kurzen Hosen herumstand, da war mir das schon genau so unangenehm.

Dann ist es soweit, das Mallorca Marathon Team läuft, von echtem Teamgeist beseelt, Hand in Hand über die Ziellinie. Bernd (02:29:59.9 h) kann sich aber beim Zieleinlauf mit einer eleganten Tänzelbewegung eine Brustbreite Vorsprung vor seinen Damen verschaffen und steht mit zwei zehntel Sekunden Vorsprung in der Ergebnisliste. Nathalie (02:30:00.1 h) wird damit Dritte in der Klasse W40 und Conny springt mit  2:30:00.2 knapp am Siegertreppchen vorbei und landet auf Platz vier in ihrer Altersklasse.

Am besten hat sich Ultra-Ute (2:35:02.6 h) das Rennen eingeteilt, sie schafft es als einzige der ASGler die zweite Runde schneller zu laufen. Vielleicht gelingt ihr das aber nur, weil sie den heißen Atem von Claudia (2:35:03.4) beständig im Nacken spürte.

Nachdem wir uns unter den hervorragenden Duschen auf dem fern am Horizont gelegenen Campingplatz wieder gesellschaftsfähig geschrubbt haben, lassen wir uns zu einem kleinen Imbiss nieder. Bei so vielen Platzierungen führt kein Weg an der Siegerehrung vorbei, die sich interessant wie ein Häkelabend mit Margot Honecker gestaltet. Schlimmer noch, es entstehen am Bierausschank unnötig lange Wartezeiten, die selbst den Dalai Lama zum Randalieren brächten.

So sind alle froh, als ich als letzter der geehrten ASGler endlich meinen Preis in Händen halte und wir uns aufmachen können zum Rücksturz nach Hoggene.

Zum Glück erwartete mich keine Dopingprobe, denn trotz 15 Bechern Tee und Wasser, zwei Erdinger alkoholfrei und einer Flasche Mineralwasser, die ich nach dem Lauf gierig inhalierte, wäre ich erst um Mitternacht wieder abgabefähig.

 

Nachtrag:

 

Als ich mich am Sonntag bei Claudia und Ute erkundige, ob sie den Klaus wieder wohlbehalten am Hoggemer Bahnhof abgesetzt  haben, behaupten die beiden, sie seien davon ausgegangen, dass Klaus mit uns zurückfährt.

Falls sie nicht geschwindelt haben sollten, was kaum auszuschließen ist, dann ist Klaus bestimmt ohne Probleme die 40 Kilometer auf der Bundesstraße heimgelaufen. Lange Strecken in der Nacht sind ein Klacks für ihn, wie er kürzlich erst in Biel bewiesen hat.

Sollte er allerdings nicht mehr beim Lauftreff auftauchen, dann empfiehlt es sich wegen der historisch belegten Ernährungsgewohnheiten der Südpfälzer  bei der nächsten Wanderung im Pfälzer Wald die Speisekarte besonders intensiv zu studieren und im Zweifelsfall lieber zum weißen Käse zu greifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MK