DSCN1455.jpg

You feel it - 2014 Frankfurt Marathon

the-pressure-is-on-you-feel-it

Am letzten Wochenende im Oktober findet seit vielen Jahren schon der Frankfurt Marathon statt. Für mich der beste aller Marathons, der eine schnelle Strecke direkt vor unserer Haustür mit einer hervorragenden Organisation sowie einem tollen Publikum verbindet. Die Zeitumstellung in der Nacht spendiert eine zusätzliche Stunde, die den Stress am Wettkampfmorgen ein wenig dämpft oder zumindest theoretisch dämpfen könnte...

 Seit Monaten fiebere ich diesem 26.10. entgegen. Stundenlange Waldläufe habe ich hinter mir, ich habe Gewichte gestemmt und Gliedmaßen gebogen, ich habe mich mit einem albernen Auftriebsgürtel um den Bauch durch chlorhaltiges Wasser gestrampelt, habe mich mit Intervallläufen auf der Bahn kasteit, habe Kälte und Hitze getrotzt, Hunde und Zeckenbiss tapfer ertragen, bin einer marodierenden Wildsau gerade noch entkommen, ich bin bei Nackten und bei Kannibalen gerannt, ich habe gekeucht und geschwitzt. Alles für diesen einen Tag. Sogar fremd gelaufen bin ich mit den Ketschern, deren sagenumwobener langer Parcours neben  mehreren Verpflegungsstationen auch berühmte Kirchenbauwerke sowie ein Naturschutzgebiet samt leichtgeschürzten Badenixen aufbieten kann. Obendrein kombiniert mit Alfreds unerschöpflichem Anekdotenschatzkästlein bieten Ketscher Ausdauerläufe übrigens einen ausgesprochen hohen Unterhaltungswert.

 Pünktlich um 6:45 Uhr treffe ich bei Klaus ein, aufgeputscht von einem Matcha-Tee und tatendurstig nach einem ausgedehnten Bad in Drachenblut. Klaus hat mir bei frühzeitigem Erscheinen seinen berühmten Auer’schen Kaffee in Aussicht gestellt. Wolfgang  S. gesellt sich zu uns, er möchte heute seinen Marathonerstling hinter sich bringen. Es erleichtert mich ein wenig, dass er nach Möglichkeit noch ein wenig nervöser ist als ich. In der Eile hat er versäumt zuhause seine Blauzehenprophylaxe anzuwenden und holt diese nun hastig nach. Sie besteht aus Überkleben der Zehen mit Gewebeband aus dem Baumarkt. Eine ebenso vielversprechende wie mir bis dato unbekannte Vorgehensweise. Litte er an einem Hallux Valgus würde er seinen Zeh vermutlich kurzerhand mit einer Hilti wieder in die rechte Bahn dübeln.

Bereits nach kurzer Fahrt, es mögen vier Meter sein, fällt Wolfgang ein, dass er seine für seine akribisch ausgetüftelte Marschtabelle unverzichtbare Uhr vergessen hat und flugs drehen wir noch eine außerplanmäßige Runde auf Hockenheimer Gemarkung. Wir verschonen Wolfgang nicht mit der durch viel Erfahrung erlaufenen Weisheit, dass das wichtigste an einem Plan die Bereitschaft ist jederzeit von diesem abzuweichen, was dem Aufgeregten aber keine rechte Begeisterung entlocken kann.

Auf der Autobahn bei Darmstadt straft ein heftiger Regenguss die recht optimistischen Wetterfrösche Lügen. Innerlich beginne ich bereits meine Kleiderwahl zu überdenken. Als wir Frankfurt schließlich erreichen hat sich die Wetterfront im Gegensatz zu Wolfgang und mir beruhigt. Klaus hingegen strahlt eine ruhige Gelassenheit aus, dass neben ihm eine Buddhastatue wie ein Nervenbündel wirken würde. Die gigantischen Hochhäuser der Frankfurter Innenstadt werden von einem leichten Nebel umzogen, fast sieht es aus als habe sie über Nacht eine riesige Spinne mit ihrem Gespinst eingehüllt. Die Szenerie atmet einen Hauch von Unwirklichkeit. Leider bleibt uns keine Zeit diesen Zauber auf uns wirken zu lassen.

Wir parken nahezu mühelos, überdies entgeltfrei, in der Nähe des Rebstockbads und machen uns auf zum Shuttlebus, der uns ins Zentrum des Geschehens bringen soll.  Überall sind jetzt Menschen in Trainingskleidung zu sehen, die schwere Sporttaschen oder Bekleidungsbeutel mit der Aufschrift “This is Your Day” schleppen. Hubschrauber kreisen über uns und zur nervösen Anspannung gesellt sich freudige Erwartung auf etwas ganz Besonderes. An der Messehalle angekommen ist die erste Aufgabe unsere Startnummern in Empfang zu nehmen. Eine Mischung aus Chuzpe und Zufall hat ergeben, dass ich diesmal dem ersten Startblock, dem der ganz Schnellen,  zugeteilt bin. Die Hüterin der Startnummern erklärt mir, dass ich damit ein Spitzenläufer sei und kein Nummernband tragen, sondern meine Startnummer - comme il faut - mit vier Sicherheitsnadeln mir auf’s Trikot tackern solle. Außerdem solle ich den Afrikanern Beine machen, es wäre schön wenn mal ein Europäer auf dem Siegertreppchen stünde. Mit einem derart gepuderten Ego nicke ich nur und verschweige der Dame, dass meine Chancen auf dem Siegerpodest zu landen in etwa vergleichbar sind mit den Erfolgsaussichten einer Kuh beim Stabhochsprung.

Um zu gewährleisten, dass alle Teilnehmer ausreichend Bewegung haben, befindet sich die Ausgabe der sogenannten Starterbeutel am anderen Ende der Halle, zu dem wir weitereilen. Dort bietet sich uns ein seltsames Bild. Während an den meisten Ausgabestellen ein Gedränge herrscht wie man es sonst nur vor den Rettungsbooten eines Personendampfers in Seenot kennt, gähnt an einer der Ausgaben eine trostlose Menschenleere. Fröhlich eile ich auf die dort Dienst tuenden Damen zu, die mich mit den Worten sie seien nur Frauen abzuschmettern versuchen. Ich antworte, dass ich deren Geschlechtszugehörigkeit durchaus erkannt habe und gegen diese keinerlei Vorurteile hege, was jedoch die beiden Frauenzimmer nur dazu veranlasst ihre Aussage mantrenhaft zu wiederholen. Erst nach mehrmaligem Stutzen wird mir klar, dass es Starterbeutel mit verschiedenen Inhalten, getrennt nach Männern und Frauen gibt und hier nur die Damenbeutelchen ausgegeben werden. Erst viel später am Tag werde ich verzweifelt meinen Beutelinhalt studieren um das typisch Männliche darin zu finden.  Sind es die Vollkornkekse, die so ausgesprochen maskulin sind oder doch das Waschmittel für Funktionskleidung ? Am Ende gar der Lufterfrischer für’s KFZ ? Ich weiß es nicht.

Wenig später treffen wir, es ist fast schon eine liebe Tradition, auf Jung-Michael aus N., der gut gelaunt und mit Hochleistungskompressionssocken ausgestattet seinem bisherigen Streckenrekord heute den Garaus machen möchte. Wir tauschen die klassischen Läuferanekdoten aus und reihen uns an die nächste Schlange an um noch rechtzeitig vor dem Startschuss die althergebrachten Hygiene und Stoffwechselvorkehrungen zu treffen. Bald schon drängt es mich zur Startaufstellung, die anderen haben Mühe mir zu folgen, das Lauffieber hat mich fest im Griff. Auch in diesem Jahr finde ich den Zugang zu meinem Startblock nicht und übersteige schließlich das brusthohe Absperrgitter. Bei meiner Landung verbeisst sich ein erster Krampf in meine linke Wade. Ein böses Omen ?

Hier im “Elitestartblock” gibt es erfreulich viel Platz, der es gestattet sich noch ein wenig einzulaufen. Dann verdichtet sich die Läuferschar auch hier und der Sprecher posaunt seinen Countdown über die 15000 Marathonis hinweg. Der Startschuss fällt und wir laufen los. Beim Überschreiten der Startlinie setze ich meine Uhr in Gang und nehme moderate Fahrt auf. Heute muss ich besonders darauf achten, dass ich im Sog der vielen flinken Hirsche und Hirschinnen um mich herum mein Pulver nicht schon auf den ersten zehn Kilometern verschieße. Gerade konstatiere ich, dass hier vorne sich keine verkleideten Läufer tummeln und werde postwendend von einer rasenden Sebamedflasche überholt. “Das geht garnicht” denke ich mir, werfe meine hehren Vorsätze über Bord und gebe Gas.

Wir drehen einige Schleifen durch die Frankfurter Innenstadt. Das nicht nur für uns Läufer angenehme Wetter hat viele zusätzliche Zuschauer angelockt, die Stimmung ist hervorragend. Wieder einmal wundere ich mich, dass wir uns in diesem Schleifenlabyrinth nicht hoffnungslos verheddern. Meine GPS-Uhr jedenfalls hat ihre liebe Not mir exakte Auskünfte über Geschwindigkeit und zurückgelegte Strecke hier in den tiefen Hochhausschluchten zu geben. Ich bin mir sicher, hoch oben über Frankfurt kommt jetzt auch der ein oder andere Satellit mächtig ins Schwitzen beim Ausgeben der vielen tausend Positionsdaten, die gerade bei ihm erfragt werden. Schließlich überqueren wir den Main auf der “Alten Brücke” nach Sachsenhausen, für mich die erste Etappe in meinem Plan, jetzt sind es nur noch etwa 30 Kilometer, eine Entfernung die ich aus meinem Training gut kenne.

Wir ziehen durch Sachsenhausen weiter nach Niederrad, werden immer wieder von den zahlreichen begeisterten Zuschauern angefeuert und von Rhythmusgruppen und Kapellen in läuferische Ekstase getrommelt und geblasen. Bei Kilometer 20 trommelt sogar ein waschecht wirkender Indianer mit riesigem Federbusch. Er sitzt auf einem Campingstuhl und  singt ohne Unterlass “Hejahejaheja”. Ich hoffe inständig, dass es sich dabei nicht um einen schamanischen Regenzauber handelt, den er da ausübt. Mittlerweile habe ich Betriebstemperatur erreicht und streife meine Armlinge ab. Bei diesem Wetter sind sie überflüssig und verleihen mir höchstens ein schräges Aussehen, das irgendwo zwischen Buchhalter und Travestiestar liegt.

Bei Halbmarathon zeigt meine Uhr eine 1:41, damit bin ich durchaus zufrieden, doch vermisse ich die Leichtigkeit in meinen Beinen, die es erlauben würde die eingeschlagene Geschwindigkeit noch weitere 21 Kilometer zu halten. Das kann noch blöde enden. Überdies verspüre ich im linken Unterschenkel eine gewisse Bereitschaft für einen ordentlichen Krampf. Nichtsdestotrotz hänge ich mich an zwei absolut identisch gekleidete Läufer, die lautstark verkünden, sie wollten den Marathon in 3:20 hinter sich bringen. Ich lasse mich von den beiden Optimisten ziehen bis wir bei Schwanheim wieder den Main überqueren. Die mächtige Brückenrampe kostet Kraft und als wir Frankfurt-Höchst erreichen habe ich die Aufschneider weit hinter mir gelassen. Hier in Höchst gewinne ich den Eindruck, dass Frankfurt wie Rom auf sieben Hügeln erbaut sein muss. Geht mir am Ende auch schon die Kraft aus ? Meine Uhr berichtet nur von einem dezenten Rückgang meiner Geschwindigkeit. Kilometer 30, ich erreiche die Mainzer Landstraße, die sich mit 4 Kilometern kerzengerade der Läuferschar entgegenstemmt. Jetzt beginnt die große Auslese. Vermehrt sind Gehende, Hinkende und Humpelnde  auf der Strecke zu sehen. Manch einer bleibt stehen und versucht sich einen Krampf aus den malträtierten Beinen zu dehnen. Aus purer Bosheit hat ASICS ab hier alle paar Kilometer Kameras aufgestellt, die jeden Läufer erfassen können. Die Aufzeichnungen sind für Laufästheten nur sehr bedingt geeignet. Bei Kilometer 32 ist es endlich soweit, der Krampf ist da. Einige Schritte laufe ich wie John Silver mit seinem Holzbein, dann ist der Spuk wieder verschwunden. Es bleibt ein mulmiges Gefühl.

Bei Kilometer 34 eine scharfe Kurve, kurz danach noch eine und wir sind auf der Europa-Allee, Kilometer 35 bricht an. Dieser Abschnitt ist neu, im letzten Jahr war der Streckenverlauf hier ein anderer. Meine Begeisterung für die Neuerung hält sich in Grenzen, denn jetzt spüre ich den Schwinger den mir der Hammermann versetzt hat. Die Strecke führt jetzt wieder durch die Innenstadt, ich hoffe, dass mich die Begeisterung der Zuschauer bis ins Ziel tragen kann. Meine Schritte werden schwerer, ich versuche das Tempo nicht allzusehr abfallen zu lassen. Noch fast sieben Kilometer, das wird bitter! Marathon ist ein Kampfsport. Bei Kilometer 36 höre ich es rufen: “Mischaellll, Subba, änsänäfäddzisch uff de Halwe. Mach weida so !!! “ Es sind die Ketscher, zumindest der zusehende Teil von ihnen. Ich freue mich über die Aufmerksamkeit, kann aber darauf nicht angemessen reagieren, denn ich ringe bereits mit dem nächsten Kilometer.

Ich bin mittlerweile platt wie ein Tortenboden und meine Beine haben die Spannkraft einer Sahnerolle, obendrein plagt mich ein Hunger, der ausreichen würde das Tagewerk von gleich zwei Konditoren restlos zu vertilgen. Vom Jubel um mich herum bekomme ich nicht mehr allzu viel mit. Ich bin wie in einem endlosen Tunnel gefangen und könnte mich jetzt jederzeit auf den Boden legen um mich gemütlich einer Ohnmacht hinzugeben. Aber ich laufe immer weiter. Bei Kilometer 40 bleibe ich kurz stehen, trinke einen Becher Cola in der Hoffnung, dass mich das Koffein ein wenig pusht. Das Anlaufen wird zur Tantalosqual, bloß nicht noch einmal stehen bleiben. Schließlich gelange ich an die letzte Kurve, der Messeturm ist zu sehen, noch etwa 800 m sind zu laufen,  dann kommt der Abzweig zur Halle, die Halle, der Jubel, der rote Teppich , ganz am anderen Ende der Halle der Zielbogen, ich katapultiere über die Ziellinie und suche mir eine ruhige Ecke, lasse mich zu Boden gleiten, geschafft, war das hart ! Keine Ahnung, wie meine Zeit ist, wieviele Minuten ich im zweiten Teil verloren habe. Ich beobachte Szenen, bei denen ein Schlachtenmaler aus Napoleonischer Zeit feuchte Augen bekäme. Hier reißt einer die Arme siegestrunken nach oben, dahinter wird ein anderer auf der Bahre weggetragen, ein Sanitäter spricht auf ihn ein, während der Getragene seinen rechten Fuß fest in beiden Händen hält und verzweifelt versucht einen Krampf sich aus dem Oberschenkel zu dehnen. Über all dem Treiben kräht Shakira: “Waka Waka..” Als nach einiger Zeit mir ein Sanitäter den Abtransport auf der Tragbahre androht, heuchle ich körperliche Frische und springe auf. “Pick yourself up and dust yourself off... ergänzt Shakira über die Lautsprecher. An der Treppe  zum Zielverpflegungsbereich seile ich mich langsam ab, mit beiden Händen fest am Geländer verankert. Ich bin sicher Louis Trenker seilte sich in seinem 80. Lebensjahr noch schneller das Matterhorn hinunter als ich mich diese Treppe herunterquäle. Dabei überhole ich sogar noch den einen oder anderen.

Doch jetzt beginnt der angenehme Teil des Tages. Ich erhalte meine Medaille sowie eine Wärmefolie und falle am Teestand ein. Ich leere Becher um Becher, nur ein Stausee könnte ein ähnliches Fassungsvermögen vorweisen. Ich schnappe mir ein Stück Pappkarton als Sitzkissenersatz, lasse mich auf dem Boden nieder und werde von einer nicht enden wollenden Krampfkaskade gepackt. So muss sich eine Fußreflexzonenmassage mit einem Taser anfühlen. “The pressure is on, You feel itwürde Shakira vermutlich anmerken.

Von Klaus, Wolfgang oder Jung-Michael ist nichts zu sehen, ich beginne zu frösteln, schnappe mir zwei Bananen, eine Büchse Causthaler und verlasse den Verpflegungsbereich, für alle Notfälle gerüstet, in Richtung Kleiderabgabe. Dort treffe ich auch auf Wolfgang, der eine 3:36 gleich bei seinem Debut geschafft hat. Als leidenschaftlicher Planer hat er sogar an einen Plan B für die Rückreise gedacht. Diese macht er im Kreise der Familie und verabschiedet sich von unserer Fahrgemeinschaft. Doch wo bleibt Klaus ? Bei meiner nun beginnenden Fahndung nach meinem Fahrer treffe ich zum Glück auf die allgegenwärtigen Ketscher. Über die Enderle-Connection erfahre ich nicht nur meine genaue Endzeit (3:26) sondern auch, dass Klaus ziemlich getrödelt, den Ketschern das mitgebrachte Bouillonfass geleert und erst seit wenigen Minuten die Ziellinie überschritten hat. Ich versuche ihn beim Familientreffpunkt aufzuspüren, doch es strömen dort jetzt tausende in Silberfolien gehüllte erschöpfte Gestalten mir entgegen.

Erst viel später und nur durch Einsatz modernster Fernmeldetechnik gelingt es mir den Standort des Gesuchten zu ermitteln. Jung-Michael, der mit 3:55 seinen Rekord brechen konnte,  entdecke ich gleich mit. Wir gratulieren uns gegenseitig und schleppen uns wenig später in Richtung Shuttlebus davon. “Today's your day,I feel it” Schallt es auf der Rückfahrt noch lange in meinen Ohren.

 

Klaus Auer                           4:20

Michael Ritter                      3:55

Thorsten Rinklef                  3:43 ( erst in der Ergebnisliste entdeckt ) 

Wolfgang Schwab               3:36

 Michael Karle                      3:26