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Ultramarathon in Rodgau am 25.1.2015

Fünf Ultras in Südhessenunsere Mannschaft in Rodgau

Die Nacht endet früh, bereits um 3:00 Uhr bin ich hellwach, Aufregung und Vorfreude auf mein heutiges Vorhaben lassen mich senkrecht im Bett stehen. Ein wenig verwünsche ich meinen Tatendrang, der mich im Spätherbst dazu verleitete mich für den Ultramarathon über 50 Kilometer in Rodgau anzumelden. Doch heute ist der Tag. Ich nutze die Gunst der frühen Stunde zu einem ausgedehnten Frühstück und verlasse kurz vor sieben das Haus. Ein wildes Schneetreiben trommelt mir entgegen und ich hadere mit mir, ob ich vielleicht nur den Adam abhole, ihn am Bahnhof aussetze und mich dann wieder in die warme Stube zurückziehen sollte.

Die wild entschlossene Meute jedoch , in Gestalt von Claudia B., Ute A. und Michael Ke., die ich am Bahnhof vorfinde bringt mich rasch von meinem Vorhaben ab und bald fahren wir mit zwei vollgepackten Vehikeln los. Bei Wettkämpfen im Winter fällt die Entourage immer etwas umfangreicher aus.  Utes Wagen verfügt über ein Navigationsgerät, sie fährt voraus, ich muss unbedingt dranbleiben. Nicht zuletzt wegen der Wetterlage hat sie versprochen langsam zu fahren, was meinen Kleinwagen aber bereits an seine Leistungsgrenze treibt. Ich nehme an, schnellere Fahrten erledigt sie  nahe an der Schallgeschwindigkeit. Die schrullige Programmierung ihres Navis erspart uns im Folgenden auch nicht die entlegensten Winkel von Darmstadt. Wider Erwarten erreichen wir dennoch alle unser Ziel.

Weit gereist und bereits zu einem so frühen Zeitpunkt mit zahlreichen Eindrücken geflutet, treffen wir am Ort des Geschehens ein, kassieren in den Vereinsräumen des Rodgauer Tennisclubs unsere Startnummern und das übliche blaue Geschenk für die ersten 800 Gemeldeten. Diesmal bin ich etwas ratlos bezüglich der vorgesehenen Verwendung der sportlichen Gabe. Handelt es sich um ein zu lang geratenes Gästehandtuch, ein Saunatuch für Anorektiker,  oder liegt Adam richtig, wenn er vermutet es sei Wettkampfbekleidung für einen farbenfrohen Sumoringer ?

In der Sporthalle, wo auch etwa fünfzig Weitangereiste übernachtet haben, schlägt uns ein Geruch entgegen, den man leicht reproduzieren kann, indem man ein durchgeschwitztes T-Shirt sowie eine ausgiebig getragene Unterhose einige Tage in einer Tupperschüssel unter luftdichtem Verschluss hält. Kerzenlicht würde in dieser Atmosphäre entweder sofort verlöschen oder eine heftige Detonation auslösen.

Bis zum Start um 10:00 Uhr haben wir noch etwas Zeit und so verbleiben wir in der angenehm warmen Halle, wo Adam innerhalb kürzester Zeit seinen Landsmann Jacek Bedkowski ausmachen kann. Dieser hat sich nach seinen eigenen Angaben mit lächerlichen 600 Laufkilometern im Monat Januar nur schlecht auf den heutigen Tag vorbereiten können. Für ein Mitglied der polnischen Ultra-Marathon-Nationalmannschaft ist das vermutlich wirklich erschreckend wenig. Immerhin wird diese mangelhafte Vorbereitung heute ausreichen für Platz 2 in der Altersklasse M35 in beachtlichen 3:42:40.

Die Zeit schreitet voran und der Sprecher des veranstalteten Vereins RLT Rodgau verkündet mit der robusten Empathie und Lautstärke eines Kompaniefeldwebels die Austragungsmodalitäten der Veranstaltung. Beinahe rufe ich am Ende seines Vortrags laut „Jawoll,  Herr Hauptfeldwebel !!“ . Um 9:40 Uhr  machen wir uns auf zum etwa 800 m entfernt mitten im Wald liegenden Freizeitzentrum Gänsbrüh, wo der Start erfolgen soll. Ein als Banane verkleideter Edeka Mitarbeiter verteilt dort Bananenstücke an die startbereite Läuferschar. Ich vermute, ein bedauerlicher Disput mit seinem Marktleiter war die Ursache für seine Ernennung zum samstäglichen Dienst im Bananenkostüm .

 Beim Verstauen meiner Tasche im überdachten Bereich der Freizeitanlage verliere ich den Kontakt zu den anderen ASGlern . Ich reihe mich nach erfolgloser Suche schließlich im riesigen Starterfeld gemäß meinen bescheidenen Erwartungen weit hinten ein und treffe dort Adam wieder. Wir amüsieren uns erst über die akustisch kaum zu verstehende Rede des Bürgermeisters und dann über den viel besser vernehmbaren, ja geradezu obszön laut gezählten Countdown zum Start, gehalten vom bereits bekannten rustikalen Sprecher aus der Halle. Einen Startschuss nehme ich nicht wahr, vermutlich hat ihn der lautstarke Hesse mit seinem ohrenbetäubenden Krakeelen schlicht übertönt. Dann wackelt der Wald, weil jetzt 900 Läufer gleichzeitig lospreschen. Es ist wie wenn die Gallier Fäuste schwingend aus ihrem kleinen Dorf stürmen. Wehe der römischen Kohorte, die sich uns entgegen stellt oder dem arglosen Spaziergänger, der zufällig unseren Weg kreuzt. Nach wenigen Schritten kommt es aber schon zu einem Stau und ich gebe mir Mühe mich möglichst ohne Rempeleien in den Strom der rennenden Athleten einzusortieren.

In eng geschlossenen Reihen stürmen wir die ersten beiden Kilometer auf asphaltierten Feldwegen dem noch so fernen Ziel entgegen. Obwohl ich sofort eine Minute hinter meiner Marschtabelle liege, verzichte ich auf waghalsige Überholmanöver. Letztere würden zu diesem frühen Zeitpunkt unweigerlich zu einem Ausflug durch, wegen des ausgiebigen Regens der Vortage, bodenlosen Morast führen. Dann erreichen wir den Wald, wo uns eine Schlammpiste lehrt wie komfortabel bisher die Bodenbeschaffenheit war. Laute Rockmusik tönt uns an einer T-förmigen Kreuzung entgegen, wir biegen ab nach links zum Wendepunkt und von dort wieder an der Musikbox und einem in Bereitschaft stehenden Rettungswagen vorbei. Drei Kilometer sind geschafft, das Feld hat sich ein wenig entzerrt, zaghaft beginne ich mich nach vorne zu arbeiten  Es geht über ein Feld wieder in den Wald. Kurz vor Kilometer vier, am Zaun zum Opel-Versuchsgelände, hole ich Ute und Claudia ein. Im Überholen winke ich den beiden zu und freue mich auf den folgenden Kilometer, der leicht bergab zum Start und Zielpunkt führt. Die erste Runde ist geschafft.

In der zweiten Runde bemerke ich am Wendepunkt Adam knapp hinter mir. Nur wenig später überrundet mich bereits der spätere Sieger. Krummbeinig und mit weit nach hinten schwingenden Unterschenkeln schaufelt er sich unaufhaltsam durch den Schlamm. Er hat bereits jetzt einen großen Vorsprung zum Zweiten. In der dritten Runde schnappe ich mir an der Verpflegungsstation einen Becher Tee samt einem der liebevoll zerkleinerten Müsliriegel und lege zu deren Verzehr eine kurze Gehpause ein. In einer ersten Bestandsaufnahme muss ich einräumen, dass es keine gute Idee war am Mittwoch im Training einen schnellen Lauf über zehn Kilometer einzuschieben und am Donnerstag hätte ich das Kiesertraining wohl besser ausfallen lassen. Meine Beine sind schwer, um nicht zu sagen bleischwer. Um keine schlechte Laune aufkommen zu lassen, laufe ich sofort wieder los und stelle erfreut fest, dass der Tee mir gut getan hat. Ich nehme mir vor heute mindestens sieben Runden zu schaffen. In der fünften Schleife überrunde ich eine ältere Dame, die so gebückt läuft, dass ich fürchte sie wird spätestens im nächsten Durchgang mit ihrer Nase eine tiefe Furche in den Weg pflügen. Etwas später erwische ich Ute und Claudia, wie sie gerade eine breite Schlucht in den Müsliriegel- und Kekseberg am Verpflegungstand nagen. Ich gönne mir wieder eine kurze Gehpause, um den obligatorischen Becher Tee zu leeren, winke den beiden zu und weiter geht’s.

Irgendwann habe ich die siebte Runde vollendet und meine Beine machen noch mit, keine Frage, dann wird auch eine achte Runde gedreht. Endlich kann ich die beiden Frauen, die schon während des ganzen Rennens uneinholsam fünfzig Meter vor mir unablässig schwatzend und heftig gestikulierend laufen, überholen. Beim Passieren der zwei erfahre ich auch das Sujet ihres Diskurses. Während alle Männergruppen, die ich bis dahin überholte, sich über Training, Laufschuhe oder bereits absolvierte Wettkämpfe unterhielten, erörtern die beiden die Probleme, die sie mit ihrem jeweiligen Partner haben. Nix wie weg, ich erhöhe die Schlagzahl und erreiche zum achten Mal den Start und Zielbereich, 40 Kilometer sind geschafft, eine unglaubliche Entfernung für einen Fußgänger. Aber jetzt will ich natürlich auch die neunte Schleife drehen, den Marathon-Punkt überlaufen. Weiter geht’s, noch einmal die Spitzkehre, eine Gehpause mit Tee am Versorgungspunkt, über’s Feld wieder in den Wald. Ich erreiche Kilometer 42, 195 Meter dahinter die Markierung für die Marathonentfernung. Ein kurzer Blick auf die Uhr:  3:56 zeigt die an, das ist ok. Ab jetzt betrete ich Neuland, noch nie zuvor bin ich weiter als Marathon gelaufen, ab jetzt bin ich ein Ultra-Läufer ! Am Wendepunkt muss ich meinen rechten Schuh neu schnüren und erhalte dabei einen kleinen Vorgeschmack, was mich im Ziel erwarten wird. Ich bin fast nicht in der Lage mich zum Schnüren zu bücken. Steif und ungelenk zerre ich am Schnürsenkel. Endlich ist es geschafft, ich richte mich auf und trabe weiter. Als ich wenig später zum neunten Mal bei Start und Ziel am Freizeitzentrum eintreffe ist völlig klar, dass ich jetzt die volle Distanz schaffen möchte. Die letzte Runde wird hart und meine Gehpause mit Tee etwas länger als in den vorigen Durchgängen. Der sanfte, kaum wahrnehmbare Anstieg zur ersten Waldpassage entpuppt sich jetzt als monströse Rampe. Aber an jedem Punkt der Strecke, an dem ich vorbeikomme, ist es für heute zum letzten Mal. Jeder Schritt bringt mich dem Ziel näher. Und ich kann immer wieder Plätze gut machen. Meine linke Wade signalisiert mir, dass sie demnächst einen Krampf haben möchte. Ich beschwöre sie damit noch ein wenig zu warten und eile weiter. Ein letztes Mal am Zaun der Versuchsstrecke entlang, die letzte Kurve, nur noch 900 Meter Schlammpiste. Das Zieltransparent ist schon zu sehen, ich beschleunige nochmals, rase wie ein Berserker die letzten dreihundert Meter auf dem leichten Gefälle, mache nochmals zwei Plätze gut, mein letzter Kilometer ist gleichzeitig mein schnellster. Geschafft !

Im Ziel nimmt mich eine freundlich lächelnde Helferin in Empfang, die beabsichtigt mir eine Wärmeschutzfolie überzuziehen. Ich verheddere mich hoffnungslos im dargereichten Plastikgewand und erleide das  Schneewittchen-Syndrom, mein Gesicht wird weiss wie Schnee, vor meinen Augen wird mir schwarz wie Ebenholz doch noch bevor meine Nase rot blutet, weil ich ohnmächtig auf dieselbe falle, hat mich meine Samariterin ebenso adrett wie winddicht  in Plastik gehüllt und ich kann weiter zum Getränkestand stolpern. Dort wartet ein Buffet lukullischen Ausmaßes auf den ausgemergelten Ultraläufer. Leider verweigert mein Magen just bei solchen Gelegenheiten regelmäßig die Aufnahme von Nahrung. Ich knabbere lustlos an dem ein oder anderen Keks und Riegel und suche mit steigender Verzweiflung nach warmem Tee. Dieser wird gerade frisch gebraut und brodelt bald darauf so bedrohlich in meinem Pappbecher wie damals der Vesuv Plinius dem Jüngeren entgegenbrodelte. Ich versuche die Situation zu entschärfen indem ich mit einem Schuss Sprudelwasser die infernalische Temperatur meines Getränks senke und habe nun ein kulinarisch äußerst fragwürdiges Ergebnis im Becher. Der Weg zur Dusche gestaltet sich zum zweiten Ultralauf des Tages. Nirgendwo sind Ziel und Duschen so weit auseinander wie in Rodgau, aber so ist das wohl, wenn man zu den Ultraläufern geht. Als besonderes Schmankerl ist das Duschwasser nur noch geringfügig wärmer als Speiseeis. Die zahlreichen Abbrecher und die Spitzenläufer haben schamlos die Gelegenheit zum ausgedehnten heißen Duschbad genutzt. Meine gewohnte rituelle Reinigung fällt heuer daher etwas kürzer aus als im heimischen Schaumbad. Zeit gewinne ich dadurch keine, denn es macht sich jetzt eine Steifheit in meinen Gliedmaßen breit, die man sonst nur bei  hochbetagten Greisen beobachten kann.

Als ich viel später wieder in der Sporthalle des RLT eintreffe, stoße ich auf Claudia und Adam, die sich mit großem Appetit neue Kräfte zuführen. Die beiden haben, wie geplant, nach sieben Runden das Handtuch geworfen und die heiße Dusche dem Ruhm vorgezogen. Ich verschaffe mir für wenig Geld zwei der liebevoll und reichhaltig belegten Käsebrötchen und spüle diese mit zwei alkoholfreien Weizenbieren in mich hinein. Etwas später erscheinen Michael Ke. und Ute. Erschöpft aber glücklich haben beide die volle Distanz hinter sich gebracht. Ute verzieht sich in die Damendusche, die deutlich verkehrsgünstiger liegt als die des starken Geschlechts. Etliche Viertelstunden später macht sie sich frisch gewaschen und gebügelt über den Kuchenberg her, den ihr Claudia in der Zwischenzeit aufgetürmt hat. Ihre ausgiebige Mahlzeit muss sie kurz unterbrechen, als man sie auf die Bühne zitiert zur Siegerehrung. Ute hat den dritten Platz in ihrer Altersklasse erreicht, Respekt !

Auf der Rückfahrt sind Dunkelheit und dichtes Schneetreiben unsere Begleitung, kurz nach Frankfurt verschwindet unser Führungsfahrzeug von meinem Radarschirm und dennoch finde ich auf Anhieb nach Hoggene zurück. Um 19:00 Uhr schließe ich rechtschaffen müde das Hoftor auf, ein anstrengender Tag gähnt seinem Ende entgegen.

 

 

etwas Statistik:

 

Claudia Biewald    3:49:57   (abg. 35)

Adam Banert       3:23:18   (abg. 35)

Ute Arnold          5:36:31

Michael Keller       5:02:48

Michael Karle        4:39:50