Wackeln im Sturm

12. Freiburger (Halb)Marathon

Es gibt Veranstaltungen auf die man sich schon Wochen vorher freut, wo man die Kalenderblätter der letzten Tage vor dem großen Ereignis ungeduldig abreißt , den Knall des Startschusses förmlich herbeisehnt und es gibt Wetterlagen, die diese Gemütsverfassung  in ihr völliges Gegenteil kippen können. Eine solche Wetterlage rüttelt an diesem Wochenende in Gestalt von Sturmtief Mike heftig an meiner seelischen Verfassung. Alle anderen ASGler hatten den Wetterbericht schon lange vor mir abgehört und sich rechtzeitig Alibis für diesen Tag beschafft, sei es im Ausland, in den verschneiten Bergen oder gar bei einer Konfirmation . Ausgerechnet in dieser Nacht findet auch noch die ungeliebte Zeitumstellung statt und so kommt es, dass ich Unheil ahnend mutterseelenallein und noch bevor der Frühtau sich träge aus seinem Lotterbett erhebt, die A5 in Richtung Süden rolle.

 

Bereits bei Karlsruhe ermuntert mich ein heftiger Regenguss mein Vorhaben nochmals zu überdenken, doch  ich bleibe stur. Zwei weitere, ähnlich intensive Naturphänomene bei Bühl und Offenburg lassen mich einen Vertrag mit mir abschließen: Wenn es bei meiner Ankunft in Freiburg regnet, dann darf ich sofort wieder umdrehen. Als ich schließlich die Autobahn bei Freiburg verlasse, strahlt mir der Himmel trocken und zementgrau entgegen. An den Fahnenmasten vor der Freiburger Messe flattern munter die Flaggen. Ich lasse mich von dem deutlich spürbaren Wind in die Messehalle wehen und treffe dort auf Jens A. , einen Veteranen des Königstuhllaufs. Bei unserem kurzen Plausch stellt sich heraus, dass wir in wenigen Minuten Abstand hintereinander hergefahren sein müssen. Das hätte man wissen sollen. Jens will ebenfalls beim Halbmarathon starten und angesichts der Wettersituation genau wie ich mit gebremstem Ehrgeiz. Wir wünschen uns gegenseitig Erfolg und es treibt mich weiter zur Entgegennahme meiner Startnummer. Während der  verbleibenden Zeit zum Start flaniere ich über die Marathonmesse . Am Stand des „Marathon du Vignoble d’Alsace“ entdecke ich zwei als Clowns verkleidete Läufer, die offensichtlich gewillt sind die Strecke heute barfuß zurückzulegen. Kalte Schauer ziehen allein bei diesem Gedanken über meinen Rücken.  Ab und an werfe ich einen Blick vor die Halle und muss feststellen, dass der spürbare Wind sich zu einem ausgewachsenen Sturm gemausert hat. Von Regen aber keine Spur. Bei einem obligatorischen Abstecher in den Hygienebereich gewinne ich nach ausgedehnter Wartezeit den Eindruck, dass manche Zeitgenossen nur hier hergekommen  sind um mal so richtig lange zu sch….

Ich mache mich zeitig auf zur Startaufstellung, eingepackt in eine ganze Altkleidersammlung, die ich beim Start von mir werfen werde sowie eine Wärmefolie von einem vergangenen Lauf. Um diese werde ich von ganzen Kohorten beneidet. Findlingsgroße Männer der Security verwehren mit robuster Höflichkeit den direkten Zugang von der Halle zu den Startblöcken und weisen uns einen weiten Umweg in die Madisonallee. Immerhin eine Gelegenheit sich ausgiebig einzulaufen. Dabei stelle ich fest, dass ich völlig ohne Motivation bin, meine Beine sich jedoch recht gut anfühlen. Das Fleisch ist stark, nur der Geist ist schwach. Ausgesprochen dreist schmuggle ich mich in Startblock A und werde später nach wenigen hundert Metern merken, dass viele hier mitlaufen, die besser in den langsameren Blöcken B und C, die 10 bzw. 20 Minuten später gestartet werden, aufgehoben wären. Die dicht gedrängte Läuferschar schützt mich vor den immer häufiger auftretenden eisig kalten Windböen. Der als Schrittmacher angekündigte Dieter Baumann hat anscheinend nach der Lektüre des Wetterberichts den geordneten Rückzug angetreten, ich kann ihn jedenfalls nicht entdecken und in der Ergebnisliste taucht er später auch nicht auf, schade.

Der Moderator am Start schafft es tatsächlich durch das Einspielen harter Rhythmen und mittels vulgärer Massenpsychologie meine Unlust und auch die so manches anderen schlagartig in explosive Leistungsbereitschaft zu verwandeln. Hätten wir Keulen zur Hand, wir würden sie jetzt vermutlich über unseren Köpfen schwingen. Das bisschen Wind, das macht uns nichts. Hells Bells dröhnt uns aus den Lautsprechern entgegen, was mir  unpassend erscheint, denn in der Hölle ist es bekanntlich warm und eher windstill. Dann fällt der ersehnte Startschuss und das erste Kontingent von etwa 11000 Läufern stürmt los. Flink entledige ich mich meiner wärmenden alten Kleidung, wandle mich von der Vogelscheuche zum Läufer. Meine Schirmmütze habe ich fest in meinen Stirnfalten verschraubt. Der Himmel glänzt mittlerweile in einem düsteren asphaltgrau.

Schon auf den ersten Kilometern wird mir klar, warum in Freiburg keine besonders guten Zeiten gelaufen werden können. Der Kurs ist eckig und führt die ersten zehn Kilometer fast beständig bergauf. 95 Höhenmeter werde ich im Ziel auf meinem Konto haben. Am ersten Verpflegungsstand greife ich zu einem isotonischen Getränk, vor dem Startschuss wurde schließlich der ärztliche Rat an alle Teilnehmer gegeben auch bei diesem Wetter auf der Strecke viel zu trinken. Mir beschert der Trank jedoch nur ein unangenehmes Völlegefühl und wenig später muss ich rülpsen wie ein magenkranker Klingone. Ich beschließe mich fortan wieder auf mein eigenes Verlangen zu verlassen. Trotz des miesen Wetters sind erstaunlich viele begeisterte Zuschauer an der Strecke. 42 Bands, verteilt über den gesamten Parcours, schmettern unbeirrt ihr Repertoire dem Sturm entgegen und überall wo Musik gespielt wird finden sich auch Schaulustige. Bei Kilometer fünf setzt, zunächst noch zaghaft, der versprochene Regen ein. Am Schwabentor biegen wir ab in den Stadtteil Oberau, immer die Dreisam entlang. Der Regen ist unser treuer Begleiter. Kilometer 10 passiere ich noch unter 44 Minuten, soweit ich das durch meine tropfnasse Brille erkennen kann. Wir umrunden das Stadion des SC Freiburg und jetzt geht es zwar wieder bergab, dafür bläst uns der Wind entgegen wie bei Kap Horn. Mittlerweile bin ich durchnässt wie der Harpunier auf einem Walfänger. Die Fontänen vor mir bläst jedoch kein Pottwal, sondern die stammen vom eigenwilligen Schuhprofil meines Vordermannes, das wie ein Schaufelrad Regenwasser nach hinten baggert. Entnervt setze ich zum Überholen an. Der Himmel zeigt Schattierungen in allen Graustufen bis hin zu tiefschwarz.

Der Parcours führt ein weiteres Mal am Schwabentor vorbei und wir kommen in die Freiburger Altstadt, dem  Höhepunkt der Route. Das nasse Kopfsteinpflaster fordert höchste Konzentration und in das „Bächle“ möchte ich auch nicht unbedingt tappen. Erstaunlich wie viele Schlachtenbummler uns hier im strömenden Regen anfeuern. Ihr Lärm vertreibt auch den größten inneren Schweinehund. Einige Baustellen sorgen für Engstellen, die es schwer machen den eigenen Schritt beizubehalten, immer wieder muss ich abstoppen um Kollisionen zu vermeiden. Eine wunderschöne Aussicht auf die Herz-Jesu-Kirche bietet sich mir als ich die Wiwili-Brücke zum Stadtteil Stühlinger überquere. Nur noch wenige Kilometer trennen mich vom Ziel, ich freue mich schon auf die heiße Dusche sowie die anschließende Massage. Endlich der letzte Anstieg, die letzte Brücke, danach führt eine rasante Kurve zum Ziel vor der Messehalle. Ich bedaure zutiefst die Marathonläufer, die jetzt noch eine zweite Runde laufen müssen. Ich wuchte mich nach 1:31:57 h über die Zielmatte und nehme eine Wärmefolie nebst meiner Medaille in Empfang. Ich könnte mir jetzt im Zielbereich hemmungslos den Magen füllen mit Einback, Laugenstangen Obst, Apfelsaft, Wasser und und und, leider befinden sich meine inneren Organe in einer Art Winterstarre. Hunger zu haben wird mir erst in einigen Stunden wieder möglich sein. Um nichts zu verschenken trinke ich lustlos ein alkoholfreies Bier. So trotte ich, mit meiner Verdauung hadernd, weiter zur Kleiderbeutelausgabe.  Das Portfolio meiner Enttäuschungen wird erweitert als ich feststellen muss, dass duschen nur in Bauwagen möglich ist die wiederum auf dem freien Gelände stehen. Um das Ganze abzurunden, kann ich auch nirgendwo eine Steckdose für meinen Fön entdecken. Ich rubble mir also die oberste Dreckschicht mit einem luftgetrockneten Frottiertuch ab, wickle mich warm in zwei Trainingsanzüge, die ich übereinander trage und mache mich ebenso verdreckt wie vorzeitig zum Rücksturz nach Hoggene bereit. Als ich mich im Gegenwind zu meinem Auto schleppe werfe ich nochmals einen Blick auf die Bühne beim Zieleinlauf, auf der ab 15:30 Uhr Max Mutzke sein Können zeigen möchte. Ihre Verankerungen wackeln bedrohlich im Sturm.

 

 MK.

 

 Nachtrag:

Zwei Wochen später und nach dem Verbrauch von etwa einem Hektar Papiertaschentüchern, entdecke ich in mir den unbändigen Wunsch nochmals in Freiburg zu laufen, jedoch nur bei schönem Wetter !

 

 

 

Fotos: Freiburg-Marathon 2015 (I) (Fotogalerie veröffentlicht am 29. März 2015 auf badische-zeitung.de )