Metro Group Marathon Düsseldorf

Ein Hauch von Nichts

 

Bei der Suche nach einem schnellen Marathon im Frühjahr tat ich mich ein wenig schwer. Kandel war mir zu früh, für den Lauf in Mannheim konnte  ich mich mit dem Gedanken im Halbdunkel in Ludwigshafen durch menschenleere Straßen laufen zu müssen nicht anfreunden, Heilbronn war mir zu hügelig, Zürich zu teuer und Hamburg zu weit weg. So kam ich auf den Metro-Group Marathon in Düsseldorf am 26.4.2015.  Immerhin war Düsseldorf  in den letzten Jahren einer der größten  Marathonläufe in Deutschland mit rund 3000 Finishern und sportlich durchaus weit vorne angesiedelt.

 

 

In diesem Jahr sind die Geldmittel im Dorf an der Düssel allerdings begrenzt und die Rennleitung verzichtete  daher auf die Verpflichtung schneller, teurer Afrikaner und Osteuropäer. Als haushoher Favorit wird Lokalmatador André Pollmächer gehandelt, der eine persönliche Bestzeit anstrebt, um sich frühzeitig für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2016 ins Gespräch zu bringen. Ich selbst habe ungleich bescheidenere Ziele und bin zufrieden wenn ich meine Zeit, die ich im Spätjahr in Frankfurt lief, unterbieten kann und das, falls möglich, deutlich.


Ohne Begleitung anderer ASGler, die lieber beim Heidelberger Halbmarathon Bergluft schnuppern wollen, sowie mit einer verheerenden Wettervorhersage versehen habe ich mich  in einem Anfall von Verschwendungssucht taktisch klug in einer nahe am Start und Ziel gelegenen Luxusherberge einquartiert. Der dort mögliche late check out wird es mir erlauben unmittelbar nach dem Lauf eine ebenso ausgiebige wie heiße Dusche zu nehmen. Im Extremfall wäre das auch ein dickes Trostpflaster für einen völlig versauten Wettkampf. Mit versaut meine ich versaut im Sinne von misslungen.


Die Nacht vor dem Lauf wird für mich sehr kurz, bereits um 2:30 Uhr plumpse ich vorzeitig aus Morpheusens starken Armen. In meinem elektronischen Briefkasten finde ich eine Mail von Conny , die mir Glück wünscht. Von Klaus entdecke ich ebenfalls eine Nachricht  mit der klaren Botschaft:“ Quäl dich, du Sau !“ Er wird eben nicht ohne Grund der Aua-Klaus genannt. Als um fünf Uhr endlich der Wecker sich bemerkbar macht, antworten meine beiden Waden mit Bilderbuchkrämpfen. Die Unmengen an natriumarmen Mineralwasser bei der Nudelparty am Vorabend sowie das Altbier, das ich zur Schlafförderung eingenommen hatte, haben mir anscheinend den letzten Krümel Salz aus dem Leib gespült. Ich entgegne diesem Mangel indem ich beim ausgiebigen Frühstück exzessiv den Salzstreuer einsetze. Um 7:45 Uhr mache ich mich durch den schönen Hofgarten auf zum Start bzw. zur Kleiderbeutelabgabe am Burgplatz. Entgegen aller Vorhersagen scheint der Wettergott uns wohlgesonnen.


Die völlig überzogene Zufuhr von  Speisesalz am Frühstückstisch lässt mittlerweile Pökelgefühle in mir aufkommen und ich bin froh, dass im Zelt gegenüber der Kleiderbeutelabgabe eine Startverpflegung verabreicht wird. Neben mir macht sich eine Japanerin für den Lauf bereit. Zusätzlich zu den sonst üblichen Sportgewändern schlingt sie sich ein Band mit einer aufgehenden Sonne und für mich nicht zu entziffernden Schriftzeichen um die Stirn. Diese Schrift könnte „Mitsubishi“, „Bonsai“, „ohayo gozaimasu“ oder auch „wehe, du überholst mich“ bedeuten. Ich beschließe vorsichtig zu sein. Nach dem traditionellen Entleerungsgang laufe ich rüber zum Josef-Beuys Ufer, wo der Start erfolgen wird. Die ideale Gelegenheit um mich einzulaufen. Irgendwie ist hier alles recht übersichtlich trotz der vielen Teilnehmer. Oberhalb der Startaufstellung fläzt sich die berühmte Düsseldorfer Tonhalle an das Rheinufer, in der  im Gegensatz zu einer Hoggemer „Tonnhall“ keine Körper ertüchtigt, sondern Konzerte geblasen werden.


Wegen der von mir bei der Anmeldung angegebenen größenwahnsinnigen Zielzeit darf ich in den Startblöcken ganz weit nach vorne und kann nochmals einen Blick auf die Favoriten werfen.  Die bangen letzten Minuten vorm Start werden mit Plaudereien von Wolf-Dieter Poschmann überbrückt, der als Moderator des ZDF bekannt ist und früher selbst ein ausgezeichneter Marathonläufer war. Der Countdown muss aus irgendwelchen Gründen wiederholt werden, aber schließlich fällt der Startschuss und nicht ganz 3000 Marathonis sowie viele tausend Staffelläufer und Halbmarathonis stürmen los. Von Zuschauern ist nicht viel zu sehen,abgesehen von vier ganz besonders frenetischen Schaulustigen. Die Strecke führt zunächst am Rhein entlang. Der erste Kilometer ist nach 4:46 Minuten zur Strecke gebracht, der zweite nach 4:41. Wir umrunden den Nordpark. Dort kann ich mich an eine Gruppe Läufer vom TUSEM Essen hängen, die von einem ausgezeichnet Ortskundigen anscheinend auf eine Zeit knapp über 3:20 h geführt werden soll . Das würde ja ganz gut passen. Bei Kilometer 6 werde ich von einer als Katze verkleideten Japanerin überholt. Überhaupt hat es hier jede Menge Japaner, sowohl bei den Läufern als auch bei den leider nur sporadisch anzutreffenden Zuschauern. In Düsseldorf wohnen innerhalb von Deutschland ja angeblich die meisten Japaner. Bei Kilometer 7 ruft unser Anführer, diese Spaßbremse,  „Wir haben erst ein Sechstel !“ Knapp vor Kilometer 9 gibt er die Parole aus „der nächste Kilometer wird langsamer, das stört uns aber nicht weiter!“.  Kurz darauf wird mir klar, was er damit meint. Als wir die nächste Kurve durchlaufen baut sich vor uns die Ostrampe der Oberkasseler Brücke in ihrer ganzen Monstrosität auf. Zu unsrer Rechten lümmelt die Tonhalle am Rheinufer herum. Der Anstieg der Rheinbrücke macht uns schwer zu schaffen zumal jetzt auch noch ein unangenehmer Gegenwind zu spüren ist. Unsere Gruppe reiht sich auf wie eine Perlenkette. Aber auf der Brücke toben die Zuschauer. Also wenn die Düsseldorfer den Weg zur Strecke mal gefunden haben, dann geben sie aber alles. Klasse !


4:35 brauchen wir für Kilometer 9, das ist recht flott und die Gruppe behält dieses Tempo bei. Als wir Kilometermarke 10 passieren, habe ich mit 47:19 etwa 80 Sekunden Vorsprung auf meinen Frankfurter Lauf. Mir wird diese Eile unheimlich und ich lasse mich schweren Herzens aus der Gruppe zurückfallen, die Gefahr ist groß die Kräfte früh zu verschleißen. Ein erstes Grollen im Verdauungstrakt erinnert mich an mein Vorhaben diesmal frühzeitig mit Energiegels für Kraftreserven auf den letzten Kilometern zu sorgen. Ich beginne, wenn auch vergebens, die Versorgungsstellen nach den klebrigen Kalorienträgern abzusuchen.
Der Kurs führt uns wieder über die Oberkasseler Brücke, meine Beine werden schwer. Viel zu früh. Am Ende der Brücke beginne ich zu halluzinieren, eine Fee erscheint mir und verkündet:“ Dess werd noch bleed heid !“ Ihrer Aussprache und Satzmelodie entnehme ich, dass es sich um eine Kurpfälzer Fee handelt. Zu meiner Linken flegelt sich lasziv die Tonhalle am Rheinufer. Kilometer 20, wir erreichen die berühmte "Kö". Ich bin nicht der einzige, der die ersten Kilometer übergeigt hat, bei der Halbmarathonmarke kann ich beobachten wie einige Mitglieder der Essener Gruppe das Rennen vorzeitig beenden. Ich habe immer noch über eine Minute Vorsprung auf meine Vorjahreszeit aus der Mainmetropole So schlecht ist das ja noch nicht einmal. Schwerbeinig eile ich weiter. Kurz nach Kilometer 25 schraubt sich ein Krampf mit eisernem Griff in meine linke Wade. Hinkend sowie mit gedrosselter Geschwindigkeit laufe ich weiter und habe das Gefühl einen hinterhältigen Zwerg an meinem Unterbein spazieren zu tragen. Eine defätistische innere Stimme nörgelt mir zu das Rennen doch an dieser Stelle zu beenden. Da ich nicht die leiseste Ahnung habe, wie ich von hier zu meinem Hotel gelangen soll, die Tonhalle, die mir als Orientierung dienen könnte, ist ausgerechnet jetzt nicht auszumachen, laufe ich verzweifelt weiter. Doch nach einem weiteren Kilometer habe ich den diabolischen Wicht an meinem Bein wieder abgeschüttelt. Wie ich sehr viel später erst erfahren werde, beendete Andre Pollmächer an dieser Stelle mit blutigen Füßen das Rennen.

Bei Km 30 stoppe ich meine Zeit  mit 2:24:21, das ist genau eine Sekunde langsamer als bei meinem Lauf im Spätjahr, eine neue Bestzeit ist immer noch möglich, aber das wird hart. Endlich werden an den Verpflegungsständen auch Energiegels ausgegeben. Gierig greife ich mir den energetisch sinnvollen aber kulinarisch fragwürdigen Glibber. Gestärkt eile ich weiter. Genau an der Kilometermarke 38 verbeisst sich wieder dieser gemeine Gnom in meine linke Wade, vermutlich nutzte er die öffentlichen Verkehrsmittel um mich einzuholen. Diesmal leistet er heftigen Widerstand, doch ich lasse mich so kurz vorm Ziel nicht aus dem Konzept bringen. Als ich Km 40 passiere lässt mein Peiniger endlich von mir ab. 03:15:34  zeigt meine Uhr. Das ist 34 Sekunden langsamer als in Frankfurt, Bestzeit ade ? Da ranzt mich eine innere Klaus-Stimme an: „Quäl dich, du Sau!“. Das sitzt ! Ich hole tief Luft und stelle meine Beinfrequenz auf Propellerbetrieb, ich kann tatsächlich meine Laufgeschwindigkeit um einen Hauch erhöhen. Der Kurs führt nochmals die „Kö“ entlang. Endlich wieder Zuschauer. Beim Überqueren der kleinen Brücke greife ich zu einem Becher Cola, dessen Inhalt zu großen Teilen auf meinem Trikot landet, egal, nur nicht langsamer werden. Kilometer 41, jetzt krampfen beide Waden, weiter, immer nur weiter. Die letzte Kurve, völlig entfesselte Zuschauer peitschen mich vorwärts, noch nie zuvor hörte ich meinen Namen so oft rufen. Die Szenerie verliert ein wenig an Dramatik und Erhabenheit, da ich auf den letzten vierhundert Metern meinem Magen überzeugen muss seinen Inhalt noch bis hinter der Ziellinie bei sich zu behalten. Dann der Zielbogen, die Zeitabnahmematte, rüber, geschafft. 3:26:57 zeigt die Uhr, genau eine Sekunde schneller als in Frankfurt im Vorjahr, Usain Bolt wird mich scheeläugig um diese Steigerung beneiden.

 

MK