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Stromberg Extrem

Der Name „Stromberg Extrem“  in Ochsenbach klingt wie eine Einladung für Menschen, die einen regnerischen Sonntag im Mai nicht auf der Couch  vor dem Fernseher verbringen wollen. Dass der Start morgens um acht ist und damit  die Abfahrt am Bahnhof Hockenheim bereits um sechs Uhr erfolgt, tut sein übriges.

 

Nur die härtesten Frauen der ASG und ich als ihr Anhang hatten sich eingefunden. Zu uns gesellten sich noch zwei Läufer aus Ketsch.

Ich erfahre, dass Ochsenbach ein Ortsteil von Sachsenheim ist. Damit in direkter Nachbarschaft zum Freizeitpark Tripsdrill, mit der bekannten Altmänner und Altweibermühle, liegt. Was die letzten Zweifel vertreibt, das Ziel am heutigen Tage, nach 53,9 Kilometern und 1177 Höhenmetern, nicht zu erreichen.

An der Anmeldung in einer kleinen Turnhalle wurden wir erstaunt, aber freundlich begrüßt. Den Helfern war förmlich im Gesicht die Frage abzulesen „Wie kommt jemand auf die Idee, bei diesem Scheißwetter, sich hier anzumelden?“  Ich bekomme als Nachmelder die Startnummer „48“, was auf ein nicht sehr großes Läuferfeld schließen lässt. Pünktlich um acht finden sich dann 57 Läufer auf der Dorfstraße zum Start ein. Roberta hat sich für den „Langstreckenlauf“  über immerhin noch 24,3Kilometer und 555 Höhenmeter angemeldet.   Wie vernünftig!

Ich laufe mit Ute und Claudia gemeinsam los, die Gruppe ist übersichtlich und wie bei allen Ultras sind alle Mitstreiter die „Ruhe selbst“. Das Führungsfahrzeug, „einen Smart“, verlieren wir aus den Augen, als er von der Landstraße auf den kleinen matschigen Feldweg abbiegt. Hier ist auch bereits der erst Verpflegungsstand aufgebaut, was meinen Entschluss bestätigt keine eigenen Getränke mitzuschleppen. Dass ich jedoch nur noch fünf Salztabletten eingepackt hatte, wird sich später noch rächen.

Kreuz und quer geht es durch Wald und Weinberge, bergauf und bergab. Ute und Claudia wollen meinem Tempo nicht folgen und ich laufe ab Kilometer 12 alleine weiter. Nach kurzer Zeit habe ich den Gunter und Mariann vom Marathon-Team  wieder eingeholt und schließe mich denen an. Dadurch, dass viele Streckenteile mehrfach und auch oft in beide Richtungen durchlaufen werden, kommen wir an den Versorgungsstellen mehrfach vorbei. Diese sind reichlich mit Obst und Getränken  bestückt. Wasser, Iso, Apfelsaft und Cola ist reichlich vorhanden. Etwas Warmes wie Tee oder Boullion gibt es leider nicht.

Nach fünfundzwanzig Kilometern habe ich meinen Salzvorrat bereits aufgebraucht. Nun merke ich, dass ich bisher nur wenige lange Läufe gemacht habe. Am nächsten Verpflegungsstand bekomme ich von Mariann noch ein paar ihrer Salztabletten, kann dann aber am folgenden Anstieg in den Weinbergen den beiden nicht mehr folgen und lasse abreisen. Doch anderen geht es nicht besser.

Auf dem Weg zum „Gipfel“ überhole ich noch mehrere Mitstreiter. Abwärts geht es durch den Weinberg, recht flach, in einer lang gezogenen Schleife. Am Ende  dieser, sehe ich den Läufer vor mir, den ich kurz vor dem Weinberggipfel überholt hatte, aus dem Wald kommen.  Die nächste Getränkestelle überrascht mit selbst mitgebrachtem Kaffee und auseinander gebrochenen Brezeln, eigentlich die Eigenverpflegung der Helfer, aber auch ich kann mich davon bedienen. Am folgenden Anstieg kann ich den „Lauffreund“ vor mir, abermals ein- und auch überholen.

Die nächsten Kilometer bis zur Marathondistanz ziehen sich wie Kaugummi, die Beine schmerzen, Trikot und Hose sind patschnass und auch das Überziehen der feuchten Jacke bringt keine Wärme in den abgekühlten Körper.  Glücklicherweise hat es aufgehört zu regnen.

Die nächste Verpflegung liegt bei Kilometer einundvierzig. Den Gedanken hier auszusteigen wiederspricht, dass ich zumindest die Marathondistanz bewältigen will und von hier, mitten im Wald, eh nicht wegkomme, bevor der Besenwagen da ist. Also weiter geht’s.

In einem leichten Anstieg bis zu Kilometer zweiundvierzig. Da ich die meiste Zeit gehe, erhole ich mich auch wieder und die ersten feinen Sonnenstrahlen tun ein Übriges, um meine Laune wieder zu heben.  Der letzte hohe „Berg“ liegt nun hinter mir.  Den langen flachen Abstieg hatte ich bereits schon einmal gelaufen. Vorbei an einer Kuhweide, über teilweise schmale Trails geht es zurück nach Ochsenbach. Der letzte Kilometer, durch den Ort, geht nochmals steil Bergauf, ich gehe, die Zeit ist nicht mehr wichtig. 

Am Ziel ist ein Festzelt aufgebaut, hier wartet schon Roberta. Sie benötigte für die Langdistanz 2 Stunden und 33 Minuten. Ich lasse mir nach 6:22 die Medaille umhängen  und habe nur noch zwei Wünsche. Eine heiße Dusche und einen Platz zum Sitzen. 

Claudia und Ute kamen beide mit 6:33 ins Ziel und waren erste und zweite ihrer Altersklasse.

In der Ergebnisliste sehe ich, dass der Kollege, den ich zweimal überholte, bereits lange vor mir im Ziel war. Ich muss ihn übersehen haben, als er an mir vorbei gezogen ist. Oder ist eine gute Streckenkenntnis einfach ein Heimvorteil.